Wenn Kapitänin Luzie Zähringer über die deutsche U19-Nationalmannschaft spricht, fängt sie nicht mit Taktik oder Ambitionen an. Stattdessen lächelt sie und erzählt von der gemeinsamen Zeit vor der PlayStation. Es mag banal klingen, gibt aber einen Einblick in die Kultur, die zu einer der größten Stärken der deutschen Mannschaft geworden ist.
FIFA Sessions
An ihren freien Tagen werden die Spielerinnen der deutschen U19 zu Rivalinnen. Mit den Controllern in den Händen versammeln sie sich um eine PlayStation und spielen FIFA. Stunden später sind sie wieder Teamkolleginnen – sie feiern Tore, unterstützen verletzte Spielerinnen und kämpfen sich wortwörtlich durch Stürme. Bei dieser U19-Europameisterschaft in Bosnien und Herzegowina könnten diese Momente abseits des Spielfelds erklären, warum Deutschland in schwierigen Situationen immer wieder neue Kraft findet.
Enger Zusammenhalt
Zusammenhalt entsteht in keiner Mannschaft von selbst. Besonders in Jugendnationalmannschaften verbringen die Spielerinnen den Großteil des Jahres bei verschiedenen Vereinen und kommen nur zu einer Handvoll Trainingslagern zusammen. Dennoch beschreiben mehrere deutsche Spielerinnen diesen Kader als ungewöhnlich eng verbunden. „Dafür, dass wir nur so kurze und wenige Trainingseinheiten in der Saison haben, sind wir echt eng zusammengewachsen“, sagte Torhüterin Janne Krumme und fügte hinzu: „Es ist auch immer schön, wenn man sich während der Saison zwischendurch auch mal trifft und einfach enge Freundschaften findet.“ Kapitänin Zähringer stimmt zu: „Wir verbringen viel Zeit miteinander, auch neben dem Platz, spielen Spiele, sind auch mal vor der Playstation unterwegs. Da merkt man einfach, dass jeder mit jedem harmoniert und das bringen wir dann auch meistens auf den Platz.“
Für die Andere
Vor dem Spiel gegen Polen am zweiten Spieltag trat Deutschland mit dem Trikot der verletzten Mittelfeldspielerin Zoe Schick an, die sich im Eröffnungsspiel eine Knieverletzung zugezogen hatte und das Turnier vorzeitig verlassen musste. Auf die Frage nach Schicks Ausscheiden sagt Krumme: „Es war ein Schock für uns, vor allem, weil es jetzt direkt im ersten Spiel und so früh passiert ist.“ Doch für Deutschland bedeutet das Ausscheiden aus dem Turnier nicht, die Mannschaft zu verlassen. Vielmehr bleiben die verletzten Spielerinnen ein fester Bestandteil der Gruppe, schreiben ihren Teamkolleginnen jeden Tag, wünschen ihnen viel Glück und feiern jeden Erfolg aus der Ferne mit. „Wir sind täglich im Kontakt“, gab Krumme zu. Auch Zähringer war sichtlich erschüttert von Schick’s Verletzung: „Wir sind alle bei ihr, und ich glaube, so etwas spornt uns dann noch mehr an, dass wir für sie spielen und für sie hier noch weiterkommen.“
Selbst durch Stürme
Ein Paradebeispiel für den Kampfgeist der Deutschen zeigte sich im Spiel gegen Polen. Als ein Gewitter über das Stadion hinwegfegte und Zweifel aufkommen ließ, ob das Spiel überhaupt fortgesetzt werden könne, machten die Spielerinnen einfach weiter. Inmitten von Donner, Blitz und fast biblischem Regen befand sich Deutschland plötzlich auf vertrautem Terrain wieder: im gemeinsamen Bewältigen von Herausforderungen.
Von der Bank
Auch wenn die Bedingungen, wie Nationaltrainerin Melanie Behringer es selbst formulierte, „brutal“ und „echt gefährlich“ waren, fand sie in der Halbzeitpause die richtigen Worte: „Ich habe ihnen vor allem gesagt, dass sie ruhig bleiben sollen.“ Die Olympiasiegerin, die nun Deutschlands nächste Fußballgeneration anführt, sagte bescheiden: „Ich versuche den Druck zu nehmen, weil ich weiß, innerlich hat man den Druck einfach. Ich war auch Spielerin und ich weiß, was auf einen zukommt.“ Die Spielerinnen scheinen diese Einstellung verinnerlicht zu haben. „In unserem ganzen Trainerteam herrscht eine Harmonie und die Atmosphäre hier ist total gut. Man hat volle Unterstützung von den Trainern und es wird eine Lockerheit vermittelt. Es wird uns gesagt was für ein tolles Event das ist und dass wir es geniessen sollen. Also ich verspür gar keinen Druck, spiele einfach mit Spaß und genieße es“, sagte Paula Rintzner.
Mannschaft Zuerst
Während des von einem Unwetter geprägten Spiels ging Polen in der ersten Halbzeit in Führung, obwohl Deutschland 67 Prozent Ballbesitz hatte, doch Tessa Zimmermanns Ausgleichstreffer in der zweiten Halbzeit sorgte dafür, dass die Deutschen einen Punkt mitnahmen. Der Ausgleichstreffer wirkte symbolisch für eine Mannschaft, die sich nicht von schwierigen Momenten definieren lässt. Und selbst nachdem sie Deutschlands einziges Tor des Spiels erzielt hatte, hielt Zimmermann sich nicht mit ihrem eigenen Erfolg auf: „Ich kann damit der Mannschaft helfen, das ist das Wichtigste.“
Mehr als nur Fußball
In einem Turnier, das oft von Momenten individueller Brillanz entschieden wird, ist Deutschlands größte Stärke vielleicht etwas weniger Greifbares. Die Spielerinnen sprechen mit bemerkenswerter Beständigkeit von Freundschaft, Vertrauen und Unterstützung. Verletzungen, Stürme und Rückschläge haben sie wiederholt auf die Probe gestellt, doch jede Herausforderung scheint die Gruppe noch enger zusammenzuschweißen.
Seite an Seite
Vielleicht ist das der Grund, warum das Bild der jungen deutschen Nationalspielerinnen, die sich um eine PlayStation versammelt haben, so passend wirkt. Die FIFA-Sessions mögen auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen, doch sie stehen für etwas Größeres: eine Gruppe junger Fußballerinnen, die es wirklich genießen, zusammen zu sein. Und wenn Verletzungen zuschlagen, Stürme aufziehen oder der Druck steigt, ist es diese Verbundenheit, die die deutsche U19 trägt.
